Haben Sie hin und wieder das Gefühl, dass Ihnen keiner richtig zuhört? Oder dass es jeder darauf abgesehen hat, Ihnen das Leben schwer zu machen? Oder dass Ihre Kollegen immer nur Ihre Qualifikation in Frage stellen wollen? Dann könnte es sein, dass Ihnen Ihr Ego gerade einen Strich durch die Rechnung macht. Es könnte sein, dass es Ihnen gerade mehr im Weg steht, als Ihnen zu nützen. Doch: Keine Sorge. Mit ein wenig Aufmerksamkeit kommen Sie Ihrem Ego leicht auf die Schliche und weisen es in die Schranken. Damit machen Sie den Weg frei, um endlich wieder richtig durchstarten zu können.
Welche Gefahren lauern, wenn das Ego dominiert?
Unser Ego spielt eine wichtige Rolle in unserem Leben. Es speichert all die Erfahrungen ab, die wir in unserem Leben gemacht haben. Es entwickelt Leitsätze, die unser Handeln an bestimmten Werten und Prinzipien ausrichten. In neuen Situationen hilft es uns dabei, aus einer Fülle von Optionen eine passende Handlungsalternative auszuwählen. Unser Ego kann uns also durchaus nützlich sein. Jedoch nur, wenn wir uns seiner bewusst bedienen.
Im profanen Arbeitsalltag, wenn wir von einer Situation in die nächste getrieben werden, kann es jedoch geschehen, dass unser Ego die alleinige Kontrolle übernimmt. Meist ist das ein schleichender Prozess. Mit der Folge, dass unser Handeln nicht mehr richtig zu unserer Umwelt passt. Wir beginnen, immer häufiger “anzuecken”. Unser Weltbild und die Realität entwickeln sich in unterschiedliche Richtungen. Wir glauben dann meist, dass wir Recht haben und die anderen im Unrecht sind.
Sie können das leicht selbst beobachten. Wenn das Ego dominiert, versuchen Menschen sich gegenseitig von der Richtigkeit der eigenen Sichtweise zu überzeugen. Sie halten Informationen zurück um sich in eine vorteilhafte Position zu bringen. Aus Angst, man könnte sie für unfähig halten, trauen Sie sich nicht, unfertige Vorschläge zu unterbreiten. Das verzwickte an dieser Situation ist, dass unsere Wahrnehmung uns einen Streich spielt, wenn das Ego dominiert. Wir sind sozusagen blind und sehen nicht, dass wir ausschließlich von unserem Ego geleitet werden.
Diese Situation kann ernsthafte Schwierigkeiten verursachen. Überlassen wir unserem Ego die alleinige Kontrolle, kann es uns im Kreis der Kollegen und Mitarbeiter isolieren, ohne dass wir dies gleich bemerken. Vielleicht stellen wir indirekt eine Verweigerung der Gefolgschaft fest. Möglicherweise, wenn zugesagte Leistungen ausbleiben oder wenn die anderen wichtige Informationen zurückhalten. Unbestreitbar ist, dass unser Einfluss auf den Erfolg abnimmt. Unsere Reputation steht auf dem Spiel!
Wie finden wir wieder zum Erfolg zurück, wenn das Ego dominiert?
Die Antwort auf diese Frage ist denkbar einfach: Wir finden wieder zum Erfolg zurück, wenn wir uns dessen bewusst werden, dass das Ego gerade dominiert. Indem wir wieder mehr Bewusstheit entwickeln, können wir unser Denken und Handeln wieder hinterfragen. Es wird wieder gelingen, die Ursachen für problematische Situationen nicht nur bei den anderen zu suchen, sondern auch bei uns selbst. Mit dieser Bewusstheit geht einher, dass wir wieder aus unseren Erfahrungen lernen können. Denn Lernen bedeutet immer, das eigene Denken und Handeln anzupassen.
Ein Beispiel: Herr Überflieger wird in einem Meeting mit der Aussage konfrontiert, dass sein Lösungsvorschlag nicht umsetzbar ist. Weil gerade sein Ego dominiert, lässt er nichts unversucht, die anderen von seiner Lösung zu überzeugen. Er setzt alles daran, vorgebrachte Argumente zu entkräften. Er reibt sich auf und geht entweder als Sieger oder als Verlierer vom Platz. Frau Demut hält es anders. Als ihr Lösungsvorschlag kritisiert wird, atmet sie erst einmal tief durch. Sie spürt, dass sie sich persönlich angegriffen fühlt und lässt den ersten Impuls, zum Angriff überzugehen, zunächst einmal abklingen. Dann versucht sie über Fragen herauszufinden, welche Punkte gegen den Lösungsvorschlag sprechen. Sie gibt die Verantwortung für die Lösung in die Gruppe und fragt nach Alternativen oder Verbesserungsvorschlägen. Es entwickelt sich ein lebhafter Dialog in dessen Folge die Teilnehmer des Meetings einen gemeinsamen Lösungsvorschlag entwickeln, den alle akzeptieren können.
Bewusstheit hat in erster Linie etwas mit Zeit zu tun. Zeit, die wir uns nehmen, um uns selbst zu beobachten. Zum Beispiel, indem wir uns folgende Fragen stellen: Wie verhalten wir uns gerade? Was fühlen wir im Augenblick? Wie geht es uns mit dem Verhalten der anderen? Was könnte uns bewogen haben, eine bestimmte Entscheidung getroffen zu haben? Wenn wir uns diese Zeit für die Selbstreflexion geben, werden wir feststellen, dass sich ganz allmählich neue Handlungsoptionen auftun. Wir folgen nicht mehr ausschließlich dem ersten Impuls, sondern können wieder wählen. Wir befreien uns von den Fesseln unseres Egos und erweitern unseren Bewegungsradius. Wir gewinnen wieder Vertrauen in uns und in die anderen.
Ein weiterer Faktor ist unsere innere Haltung. Ein starkes Ego lässt sich nur bändigen, wenn man es hin und wieder in seine Schranken weist. Und zwar immer dann, wenn es uns im Weg steht. Das bedeutet, unser Ego in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Es bedeutet, Respekt vor den Fähigkeiten der anderen zu entwickeln. Es bedeutet, sich darüber zu freuen, dass man etwas gemeinsam erreicht hat. Auch wenn es nicht der eigene Vorschlag war, der umgesetzt wurde. Diese innere Haltung erfordert jedoch Demut und Bescheidenheit. Tugenden, die wir uns erst wieder aneignen müssen, weil sie uns in einem von Konkurrenzverhalten geprägten Lehr- und Wirtschaftssystem über Jahre abtrainiert wurden.
Der Prozess ist oft schmerzhaft. Am Ende werden Sie jedoch mit etwas belohnt, was sich fast jeder wünscht: Mit der Fähigkeit, auch aus der schwierigsten Situation anscheinend ohne Anstrengung das Beste herausholen zu können!
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei!
Ihr Jürgen Rohr


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