Eine aktuelle Diskussion bei Xing hat mich zu diesem Beitrag animiert: Im Rahmen meiner Master Thesis habe ich mich mit dem Thema Selbstorganisation und Fremdorganisation intensiv auseinandergesetzt. Dabei ist deutlich geworden, dass der Begriff der Selbstorganisation heutzutage fast inflationär benutzt wird. Was Selbstorganisation ist, welchen Beitrag das Management dabei hat und was man dadurch erreichen kann, soll dieser Beitrag klären.
Im Allgemeinen wird der Begriff “Selbstorganisation” für alles verwendet, was nicht direkt durch den Menschen steuerbar ist und was sich sozusagen „von selbst“ entwickelt. Unterschiedlichste Wissenschaftsdisziplinen beschäftigen sich mit diesem Begriff: Von der Biologie über die Philosophie bis hin zur Soziologie und Ökonomie spricht man von selbstorganisierten Phänomenen und versucht, diese interdisziplinär zu erklären. Gemeinsam ist all diesen Überlegungen die Frage, wie und warum aus chaotischen Zuständen ohne eine ordnende Hand geordnete Strukturen entstehen können.
Wichtig fand ich die Unterscheidung zwischen “Autonomer Selbstorganisation” und “Autogener Selbstorganisation”:
Autonome Selbstorganisation
Bei der autonomen Selbstorganisation entscheidet das Projektteam im Rahmen festgelegter Fremdvorgaben selbst darüber, welche Arbeitsschritte es in welcher Reihenfolge und in welchem Zeitraum erledigen will, welche Werkzeuge und Methoden es dafür einsetzt und wann wer sich mit wem untereinander abstimmt. Man kann auch von einer „planmäßigen Selbstorganisation“ im Gegensatz zu einer „planmäßigen Fremdorganisation“ sprechen.
Autogene Selbstorganisation
Autogene Selbstorganisation bezeichnet einen weniger rational planerischen Prozess zur Entstehung von Ordnung. Im Projektmanagement gibt es Ansätze dazu z. B. bei einer inkrementalen Planung: Die Projektteilnehmer suchen nicht ständig nach dem optimalen Plan, sondern erweitern einen vorläufigen Plan situativ um Aufgaben- und Problemstellungen, die sich jeweils aus dem Prozess heraus ergeben. Alternativen werden nicht ausschließlich nach objektiven Kriterien bewertet, sondern auch nach subjektiven. Bei der autogenen Selbstorganisation entscheiden die Akteure durchaus auch einmal „aus dem Bauch heraus“.
In autogen selbstorganisierten Projekten besteht eine hohe Fehlertoleranz. Sie ermöglicht den Beteiligten das Lernen in Form von “Trial and error” Prozessen. Fehler werden nicht als Störung, sondern als Chance zur Verbesserung gesehen. In anderen Worten: Was sich als Erfolg herausstellt, wird beibehalten, was sich als Irrtum herausstellt, wird verworfen.
Erfahrungsgemäß geschieht auch eine autogene Selbstorganisation nicht vollständig ungeplant und spontan. Die Teammitglieder übernehmen gemeinschaftlich die Rolle des Organisators und entwickeln Vorschläge zur Verbesserung des Arbeitsprozesses und der Projektresultate. Auch für diese Form der Selbstorganisation ist eine Fremdorganisation erforderlich: Voraussetzungen für autogene Selbstorganisation sind zu schaffen, Entscheidungen gegebenenfalls zu modifizieren oder zu korrigieren, Rahmenparameter vorzugeben usw.
Fazit
Selbstorganisation funktioniert dann, wenn Handeln im Projekt für jeden Einzelnen Sinn stiftet. Deshalb muss Projektmanagement in erster Linie daran interessiert sein, bereits erfolgten Handlungen einen individuellen und kollektiven Sinn zu geben. In anderen Worten: Projektmanagement muss freilegen, was Einzelne motiviert und aus dieser Erkenntnis heraus kollektive Ziele entstehen lassen, die alle Beteiligten (Projektteilnehmer, Auftraggeber, Projektumfeld) mobilisiert.
Projektleiter müssen demnach fremdsteuernd die erforderlichen Rahmenbedingungen schaffen, um autogene Selbstorganisation in Projekten herbeizuführen. Und sie müssen jeweils entscheiden, ob die Waage mehr in Richtung Fremdsteuerung oder mehr in Richtung Selbstorganisation ausschlägt. Wobei jede Art von Fremdsteuerung, die die Autonomie der Beteiligten einschränkt, kontraproduktiv ist. Hält sie z. B. Mikromanagement für einen Mitarbeiter erforderlich, muss sich die Projektleitung darüber im Klaren sein, dass sie von diesem Mitarbeiter keine hohe Kreativität und kein besonderes Engagement erwarten kann. Wenn es der Projektleitung gelingt, die Unsicherheit auszuhalten, die mit autogener Selbstorganisation zwangsläufig verbunden ist, wird sie durch das Team mit hohem Engagement, hoher Verbindlichkeit und ausgezeichneten Ergebnissen belohnt.
Herzliche Grüße,
Jürgen Rohr
PS.
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